Pflegefamilien in Goch : Ein Zuhause fern der Eltern

Pflegefamilien in Goch : Ein Zuhause fern der Eltern

Goch/Weeze Pflegestellen nehmen Kinder auf, deren Eltern für die Erziehung zeitweise oder dauerhaft nicht zur Verfügung stehen. Frauke Wunderlich, die in Kalbeck zwischen Goch und Weeze lebt, ist eine solche Pflegemutter.

Rheinische Post 5. Oktober 2019

Wie so oft im Leben stand am Beginn ein ungeplantes Ereignis, das eine schnelle Entscheidung verlangte. Frauke Wunderlich, gelernte Bankkauffrau und junge Mutter, „musste“ plötzlich aus einer Notlage heraus zwei Kinder ihrer älteren Schwester zu sich nehmen. Zuhause konnten sie nicht bleiben, schnelle Hilfe war gefragt. Die Duisburgerin zögerte nicht, sondern gab dem Neffen und der Nichte, die später an Leukämie starb,  ein Zuhause. Obwohl der Neffe und die beiden älteren eigenen Kinder längst erwachsen sind, lebt die heute 54-Jährige mit sieben Kindern in ihrem großen Haus zwischen Goch und Weeze. Weil sie Pflegemutter geblieben ist – und auch noch zwei jüngere leibliche Kinder hat.

Wenn Kinder nicht bei ihren Eltern bleiben können, weil diese überfordert oder vielleicht krank sind oder Gewalt in der Familie ein Thema ist, wird das Jugendamt eine Pflegestelle suchen. Es gibt auch Eltern, die selbst erkennen, dass sie Hilfe brauchen und sich „ans Amt“ wenden. Meist wird zunächst versucht, die Situation durch Sozialpädagogische Familienhilfe zu verbessern, wenn das nicht gelingt oder das Kindeswohl gefährdet ist, kommt es zur „Inobhutnahme“. In Akutfällen springen bis zur Perspektivklärung Bereitschaftspflegestellen ein – auch dafür steht Frauke Wunderlich zur Verfügung.

Hohe Verantwortung für Pflegeeltern

Bewerbung Im Bewerbungsverfahren werden Motivation, Erfahrungen und Erziehungsvorstellungen des Bewerbers erfragt. Der Interessent muss gesund sein und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen können. Ob (Ehe-)Paar, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft oder Alleinstehender – das spielt bei der Bewerbung  keine Rolle.

Prüfung Bei einer Eignungsüberprüfung geht es um Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, Problemlösungskompetenzen, Verantwortungsbewusstsein. Wer Bereitschaftspflege leistet, muss zudem sehr flexibel sein und eine hohe  Frustrationstoleranz haben.

Hilfen Die Pflegestelle erhält ein monatliches Pflegegeld, auch  Beihilfen sind möglich. Mitarbeiter beim Kreis begleiten und beraten.

Für Stefanie, 22, Sophie, 17, Kiki, 17, und Angelina, 16, ist das alte Forsthaus von Kalbeck jedoch dauerhaftes Zuhause. Für Emma (14) und Jaci (9), die leiblichen Kinder, sowieso. Die Großen üben gerade selbstständig werden, sie wohnen schon jetzt in einem separaten Hausteil mit eigener Küche. Mama/Frauke/Muddel ist aber immer in der Nähe und hilft, wann immer das nötig ist. Manchmal taucht auch Sohn Jonathan (25) auf, der als selbstständiger Dachdecker schon mal „Männerarbeiten“ in Haus und Hof übernimmt. Aber eigentlich kann Frauke Wunderlich fast alles sehr gut alleine, sie hat sich im Laufe der Jahre das gepachtete Kalbecker Forsthaus nahe der Niers sehr schön ausgebaut und eingerichtet. Jede Menge Platz ist da für sie und die Kinder.

Wenn die Pflegemutter zurückblickt, ist es immer Maria, die ihr sofort in den Sinn kommt. „Sie war in einer Einrichtung untergebracht, und das Jugendamt, das mich wegen der Kinder meiner Schwester schon kannte, suchte eine dauerhafte Bleibe in einer Familie. Da saß ein kleines blasses Mädchen  und war so traurig und alleine. Damals habe ich beschlossen, zu helfen, wo immer ich kann.“ Maria sieht sie bis heute als ihre Tochter an, von ihr und einer Reihe anderer Pflegekinder hängen überall im Haus Fotos – als Collagen montiert, denn schließlich gehören sie ja irgendwie auch alle zusammen.

Die 17-jährige Sophie kam ebenso wie die gleichaltrige Angelina nicht mit der jeweiligen Stiefmutter zurecht. Es gab viel Streit, Sophie suchte Zuflucht bei einer Freundin, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Angelina verlor schon mit sechs Jahren ihr Zuhause, wechselte die Pflegestellen mehrfach. „Bei Frauke fühl’ ich mich wohl“, sagt die Gesamtschülerin, die später selbst im sozialen Bereich arbeiten möchte. Die 54-jährige Mutter glaubt, dass sie ihren Schutzbefohlenen vermittelt, wichtig und angenommen zu sein. Dabei müssen sie ihre Ersatz-Mutter mit vielen anderen Heranwachsenden teilen, das ist manchmal schwierig. Und ähnlich wie viele andere Mütter hat Frauke Wunderlich auch noch einen Beruf: Sie arbeitet in der Nachmittagsbetreuung einer Gocher Schule. Und zwar mit großer Freude.

Wenn sie nach Hause kommt, wartet auch draußen einige Arbeit: , dreieinhalb Hektar Garten samt einem Waldstück, dazu Hunde, Katzen, Hühner, Kaninchen. „Und Mücken“, seufzt der neunjährige Jaci. Er ist der einzige, der noch zur Grundschule geht, wohin ihn seine Mutter oft mit dem Fahrrad begleitet, die anderen Kinder besuchen  weiterführende Schulen. Sie fahren mit dem Bus oder dem Fahrdienst der Förderschule und kommen erst nachmittags nach Hause. Dann stehen auch ungeliebte Dienste wie Müll raus bringen oder Spülen an – ohne Mithilfe und feste Regeln geht es in der Großfamilie nicht.

Für alle Beteiligten schwierig ist meist der Kontakt zu den leiblichen Eltern. Sofern das Kindeswohl darunter nicht allzu sehr leidet, wird er aufrecht erhalten; die Ursprungsfamilie bleibt immer Thema. Damit muss auch die Pflegemutter zurecht kommen. Ebenso wie damit, ab und an zu scheitern, wenn die Hilfe von einem Kind nicht angenommen wird oder es absolut nicht in die Familie passt. Wenn alles Bemühen nicht fruchtet, bespricht Frauke Wunderlich dies mit dem professionellen Pflegekinderdienst. Falls es nicht anders geht, steht dann auch schon mal ein Wechsel der Pflegestelle an. Und plötzlich fehlt dann jemand am Familientisch. Bis vielleicht ein Neuer kommt.

Von Anja Settnik

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