Übertragungsverhalten bei Pflegekindern
Reaktionen und Strategien für den Umgang
Pflegekinder bringen oft belastende Erfahrungen mit, die sich in ihrem Verhalten gegenüber Pflegeeltern, Lehrern oder Nachbarn zeigen. Dieser Artikel bietet praxisnahe Beispiele für Übertragungsverhalten und konkrete, gewaltfreie Reaktionsmöglichkeiten. Ziel ist es, Verlässlichkeit, Sicherheit und eine enge Bindung zwischen Kind und Pflegefamilie zu fördern.

1. Situation: Das Kind fragt viele Familienmitglieder nacheinander, ob es etwas zu essen bekommen kann. Es hört kaum zu, widerspricht und tätigt Aussagen, die es nicht ernst meint.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären?:
Das Kind ist es nicht gewöhnt, dass man verlässlich ist und es ernst nimmt. Es glaubt nicht, dass das, was die Pflegeeltern sagen, Konsequenzen hat.
Der richtige Umgang damit:
- Nicht persönlich nehmen.
- Verlässlichkeit zeigen: – Klare Aussagen treffen, die haltbar sind; feste Abläufe schaffen.
- Bedürfnisse beachten: Auf Wünsche des Kindes eingehen und gleichzeitig Grenzen deutlich machen.
- Allmähliche Abhängigkeit aufbauen: In kleinen, verlässlichen Schritten Aufgaben übernehmen (z. B. eine morgendliche Routine gemeinsam etablieren), um Sicherheit zu vermitteln.
2. Situation: Das Kind erzählt Unwahrheiten oder übertriebene Geschichten über Mangel-Erfahrungen, beispielsweise Lebensmittelknappheit, und berichtet davon gegenüber Nachbarn oder Lehrern. Die Nachbarn reagieren darauf irritiert.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären?: Das Kind hat früher Hunger gelitten und ist sich nicht sicher, ob die Pflegeeltern es dauerhaft versorgen können. Daher sucht es andere Quellen, um sicherzustellen, dass es auch in Zukunft versorgt ist.
Der richtige Umgang damit:
- Offenes Gespräch mit dem Kind: Verständnis ausdrücken und erklären, dass Hunger früher real war. – Sicherheit geben, dass die Pflegeeltern zuverlässig versorgen.
- Handeln statt Worte: Konkrete Versorgungsstrukturen schaffen (regelmäßige Mahlzeiten, Notversorgung neben dem Bett).
- Kommunikation mit dem Umfeld: Nachbarn und Lehrer über die bisherige Lebensgeschichte informieren, klare Regeln vereinbaren (welche Lebensmittel dem Kind zugeteilt werden, wie und wann) und nur mit Zustimmung der Pflegeeltern unterstützen.
- Transparenz: Offene, altersgerechte Informationen im passenden Rahmen teilen und gleichzeitig die Privatsphäre des Kindes beachten.
3. Situation: Das Kind beschuldigt die Pflegeeltern, es hungern zu lassen oder zu vernachlässigen.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären?: Das Kind spricht die Ängste aus, die es hat.
Der richtige Umgang damit:
- Nicht persönlich treffen lassen: Die Ängste des Kindes anerkennen.
- Nähe zeigen: Umarmung, beruhigende Worte, Sicherheit vermitteln.
- Vertrauen aufbauen: Erklären, dass Anstrengungen unternommen werden, um eine Wiederholung zu verhindern.
- Geduld: Vertrauen braucht Zeit. Konsequentes Verhalten der Pflegeeltern hilft dem Kind, seine Ängste zu reduzieren.

4. Situation: Kind äußert Ängste durch auffälliges Verhalten wie zum Beispiel übermäßiges Essen oder Hortverhalten, ständige Nachfragen, Provokationen.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären? Unsicherheit/Trauma oder Verlustängste, Bedürfnis nach Kontrolle, Bindungsangst oder -hemmung, Stressreaktionen auf neue Umgebung/Diagnostiken.
Der richtige Umgang damit:
- Verhalten nicht persönlich nehmen.
- Ursachenrecherche: Welche Bedürfnisse stecken dahinter?
- Zuverlässigkeit und Konsequenz: klare Absprachen und Einhaltung des Vereinbarten.
- Grundbedürfnisse sichern: regelmäßige Mahlzeiten, Zugang zu Wasser, sichere Schlafumgebung.
- Richtiges Verhalten vorleben. Nicht mit Provokationen reagieren, sondern stabile, ruhige Reaktionen zeigen.
5. Situation: Das Kind läuft weg, versteckt sich oder droht mit Weglaufen.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären? Das Kind möchte erfahren, ob es den Pflegeltern wichtig genug ist, um von ihnen gesucht zu werden.
Der richtige Umgang damit:
- Nicht verurteilen, sondern Sicherheit vermitteln. Erklären, warum Sicherheit wichtig ist.
- Suchlogik üben: Findet gemeinsam sinnvolle Wege, Hilfe zu suchen, wenn sich das Kind unsicher fühlt.
- Alltagsstrukturen schaffen: Türschlösser kontrollieren, Begleitung bei Ausflügen, klare Vereinbarungen über sichere Orte.
- Zusammenarbeit mit Behörden: Falls nötig, Nachbarn, Polizei oder Jugendhilfe frühzeitig informieren.
6. Situation: extremer Provokationskampf, das Kind fühlt sich zu Gewalt geneigt.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären? Ein Kind, das Gewalt erlebt hat, projiziert sein Bild von Mutter bzw. Vater auf die Pflegeperson und geht davon aus, dass diese ebenfalls zuschlagen. Es möchte erfahren, wo die Zuschlag-Schwelle liegt.
Der richtige Umgang damit:
- Ruhig bleiben und nicht persönlich reagieren.
- Gewaltvermeidung klar kommunizieren. – Alternative Konfliktlösungen aufzeigen.
- Grenzen setzen.
- Vorbildfunktion zeigen. Die Pflegeperson reagiert anders als das Bild des gewalttätigen Vaters, denn Gewalt darf keine Lösung sein.
- Vertrauensaufbau fördern. Das Kind sanft in eine neue Vater-Mutter-Beziehung begleiten.
7. Situation: Das Kind wendet sich abrupt kleineren Verhaltensweisen zu wie Babyflasche haben wollen, sucht Nähe und klammert sich wie ein Kleinkind.
Wie ist das Verhalten des Kindes zu erklären? Kind möchte Kind-Eltern-Bindung neu gestalten.
Der richtige Umgang damit:
- Das Kind so behandeln, wie es sich gerade zeigt. Bedürfnisse eines Kleinkindes ernst nehmen.
- Grenzen setzen und Struktur geben (immerwiederkehrende Traditionen wie Geburtstage, Weihnachten feiern) oder vertrauenswürdige Rituale (Vorlesen vor dem Einschlafen).

Je chaotischer die innere Welt des Pflegekindes wirkt, desto wichtiger ist ein strukturierter Rahmen. Deshalb sind klare Regeln und Grenzen zentral:
- Wir sind die Eltern, du bist das Kind – wir tragen die Verantwortung.
- Bindung schaffen und Distanz überwinden durch verbindliche Regeln:
- Alle Gefühle sind willkommen und dürfen geäußert werden.
- Vereinbarte Absprachen werden eingehalten.
- Handeln zählt mehr als viele Worte – klare, ruhige Praxis statt ständiger Erklärungen.
